Kritische Analyse des Finanzsektors

29 November 2016

| Infosperber

Erhärteter Verdacht auf Insiderhandel vor 9/11

Unbekannte hatten auf Kursstürze von betroffenen Airlines, Banken und Versicherungen spekuliert. Doch Namen sind unter Verschluss.

von Urs P. Gasche

Der Verdacht ist brisant, beruht auf wissenschaftlicher Analyse und ist weit entfernt von irgendeiner Verschwörungstheorie: In den Tagen vor dem 11. September 2001, als Terroristen mit Flugzeugen die Türme des World Trade Centers in New York zum Einstürzen brachten, haben Unbekannte massenweise auf stark sinkende Börsenkurse der betroffenen Fluggesellschaften, Banken sowie der beiden am meisten betroffenen Rückversicherungs-Konzerne gesetzt und damit mehrere Dutzend Millionen Dollar verdient.

Mit einer aufwändigen Analyse der damaligen Börsenbewegungen haben drei Autoren in der Schweiz die Existenz von dubiosen Geschäften in den Tagen vor 9/11 wissenschaftlich und statistisch nachgewiesen. Möglicherweise waren Insider am Werk. Laut Marc Chesney, Finanzprofessor an der Universität Zürich, müsste eine neue Untersuchung die Namen der Spekulierenden und deren Netzwerke offenlegen und den dringenden Verdacht eines verwerflichen Delikts bestätigen oder entkräften.

Den Verdacht auf Insidergeschäfte von Personen, die über den Anschlag eingeweiht waren und ihr Vorwissen an den Börsen ausnützten, hatten Börsenbeobachter schon bald nach 9/11 geäussert. Dieser Verdacht wurde im Jahr 2004 vom 500 Seiten umfassenden offiziellen Untersuchungsbericht des US-Kongresses in wenigen Sätzen dementiert, ohne jedoch die Börsenbewegungen mit den Namen der Akteure offenzulegen.

Das Ausnützen von Insider-Wissen

Wer dank Insider-Wissen von einem Kurssturz innnerhalb von Tagen oder wenigen Wochen profitieren und riesige Gewinne erzielen möchte, tätigt in der Regel nicht nur Leerverkäufe von Aktien betroffener Unternehmen auf einen Termin nach dem erwarteten Ereignis. Er kann sogenannte Verkaufsoptionen, englisch Put-Options, kaufen. Es sind Wetten darauf, dass der Wert der Aktie stark sinkt. Mit einem viel geringeren Geldeinsatz lassen sich mit Put-Optionen hohe Gewinne erzielen – sofern der Börsenkurs der Aktie wie erwartet sinkt. Allgemein ist der Handel mit Derivaten, insbesondere mit Put-Optionen auch viel diskreter als mit Aktien.

In einer wissenschaftlichen Studie mit dem Titel «Detecting abnormal trading activities in option markets» gingen Finanzprofessor Marc Chesney der Universität Zürich, Assistenzprofessor Loriano Mancini vom «Swiss Finance Institute» der ETH Lausanne sowie der UBS-Analyst Remo Crameri den Auffälligkeiten mit Put-Options nach.

Obwohl das US-«Journal of Empirical Finance» die Studie letztes Jahr veröffentlichte, haben die grossen Schweizer Medien nicht darüber berichtet.

Die drei Autoren analysierten über einen Zeitraum von 1996 bis 2009 rund 9,6 Millionen gehandelte Optionen. Ausreisser im Handelsvolumen gab es in den Tagen vor Bekanntgaben von Fusionen und Quartalsabschlüssen oder vor der Verbreitung von andern börsenrelevanten Informationen. Öfters wurden plötzlich Optionen in riesigen Mengen erworben, ohne dass sich der Kurs der betroffenen Aktie an diesem Handelstag bewegt hätte. Zufällige Glückstreffer eines Spekulanten wurden in der Studie berücksichtigt. Ins Auge gestochen ist die explosionsartige Zunahme von Verkaufsoptionen unmittelbar vor der Terrorattacke 9/11.

Drei Kriterien für mögliche Insidergeschäfte

Die statistische Studie von Chesney/Mancini/Crameri hat drei Kriterien verwendet, um dubiose Geschäfte und mögliche Insider-Transaktionen zu identifizieren:

  1. Die Menge der gekauften Put-Options ist ausserordentlich gross.
  2. Es wird innert Tagen oder weniger Wochen ein riesiger Gewinn erzielt.
  3. Die Put-Optionen sind nicht abgesichert. Insider denken, dass ihre Investition risikolos ist.

In den Tagen vor der Zerstörung der WTC-Towers haben gewisse Transaktionen mit Put-Optionen alle drei genannten Kritieren erfüllt. Es waren Spekulationen auf einen Kurssturz der Aktien von Fluggesellschaften und Banken, die alle vom Attentat stark betroffen sein sollten. Nur vereinzelte dieser Put-Optionen waren abgesichert. Das Ausüben der Put-Optionen wenige Tage oder Wochen nach 9/11 brachte den vermuteten Insidern Gewinne von insgesamt rund 30 Millionen Dollar.

«Die statistische Studie deckt eindeutig äusserst dubiose Geschäfte auf, die möglicherweise von Insidern getätigt wurden», erklärt Chesney. Für einen endgültigen Beweis müssten die Behörden von der Börse die Namen der Optionen-Käufer verlangen und deren Netzwerke offenlegen. Es lägen mehr als genügend Verdachtsmomente vor, um eine neue unabhängige Untersuchung über allfällige kriminelle Machenschaften zu rechtfertigen.

Erstaunlich: Es geht um die Identifizierung möglicher Hintermänner und Drahtzieher von 9/11, doch die US-Regierung ist an einer gründlichen Aufklärung offensichtlich nicht interessiert.

Die Put-Optionen in Zahlen

Beispiel eines der sehr dubiosen Geschäfte sind die Verkaufsoptionen auf Aktien der Fluggesellschaft «American Airlines». Am 10. September 2001, dem Vortag von 9/11, wurde eine Rekordmenge von 1535 Kontrakten à je 100 Put-Optionen abgeschlossen, und zwar mit Frist Oktober 2001 und zum Ausübungspreis von 30 Dollar. Dieses Volumen war sechzigmal grösser als das durchschnittliche Tagesvolumen während den vorausgegangenen drei Wochen. Die Optionen kosteten 2.15 Dollar. Vom 11. bis 17. September blieben die Börsen in den USA geschlossen. Nach Wiedereröffnung konnten die Put-Optionen für 12 Dollar verkauft werden – eine Rendite von 458 Prozent. Die Optionen wurden bis zum 5. Oktober alle ausgeübt, mit einem kumulierten Gewinn von 1,18 Millionen Dollar. Im gleichen Zeitraum dieser Woche sank der Kurs der Aktie von 29,7 auf 18 Dollar.

Vergleichbare Beispiele solch abnormaler Transaktionen mit Put-Optionen auf Aktien zeigte die statistische Analyse im Flugsektor bei «United Airlines» und «Boeing». Im Bankensektor betrafen sie «Bank of America», «Merrill Lynch», «J.P. Morgan» (alle mit Hauptsitz in einem der Towers) sowie «Citigroup» (hohe Versicherungskosten). In der Versicherungsbranche kam es zu auffällig abnormalen Transaktionen mit Aktien der «Munich RE» und «Swiss RE».

In der Studie von Chesney und Kollegen werden die in einem Zeitraum von rund drei Wochen realisierten Gewinne wie folgt zusammengefasst:

  • Mit den genannten Fluggesellschaften: rund 9 Millionen Dollar.
  • Mit den vier Banken: rund 11 Millionen Dollar.
  • Mit den beiden Rückversicherungskonzernen: rund 11,4 Millionen Euro (in Europa gehandelt).

Zusammen kassierten die unbekannten Käufer dieser Put-Optionen rund 30 Millionen Dollar Gewinne, nachdem der grösste Terrorangriff aller Zeiten, bei dem 3'000 Menschen starben, die Kurse insbesondere der genannten Unternehmen zum Absturz brachte. Trotzdem gehen die Behörden dem dringenden Verdacht nicht nach, dass einige Personen schon vorher etwas gewusst hatten und mit diesem Wissen viel Geld verdienten.

Professor Marc Chesney ist überzeugt, dass die Frage «Insiderhandel oder glücklicher Zufall» schnell beantwortet wäre, wenn die Behörden die Namen der Käufer dieser Put-Optionen bekannt gäben und deren Netzwerke analysieren würden. Die US-Behörden sollten die Untersuchung neu aufrollen.

Der 500-seitige Untersuchungsbericht des Kongresses ging 2004 auf die schon damals vorliegenden Indizien für Put-Optionen von Insidern nur mit wenigen Sätzen und einer Fussnote ein: Verkaufsoptionen auf die American Airlines habe «ein institutioneller Anleger mit Sitz in den USA» getätigt. Ein US-Newsletter habe am 9. September zum Kauf geraten. Über das riesige Volumen von Put-Optionen betreffend anderer Unternehmen schwieg sich der Untersuchungsbericht aus.

Vermutete Insidergeschäfte gab es auch mit Aktien weiterer Unternehmen, bei denen sicher war, dass sie von der Zerstörung der WTC-Türme stark betroffen würden*.

Verdacht fällt auf Saudis

Die rein statistische Studie kann keine Auskunft darüber geben, wer die allfälligen Insider sein könnten. Professor Marc Chesney äussert sich deshalb nicht dazu.

Als Mitwisser von 9/11 sind bisher einzig Saudis bekannt, welche die Attentäter in den USA betreut und finanziert hatten. 15 der 19 Flugzeugentführer waren saudische Staatsbürger, die vor den Terroranschlägen laut FBI und CIA Kontakte zu saudischen Amtsträgern unterhielten. Im Januar 2000 waren Khalid al-Midhar und Nawaf al-Hasmi als Vorauskommando der Al-Qaida-Zelle um Mohammed Atta im kalifornischen San Diego eingetroffen. Beide waren saudische Staatsangehörige, die wenig Englisch sprachen und sich in der fremden Umgebung allein kaum zurechtgefunden hätten. Nach Erkenntnissen des FBI holte Omar al-Bayoumi, Diplomat beim saudi-arabischen Konsulat in Los Angeles, das Duo am Flughafen von San Diego ab, besorgte den beiden eine Wohnung, hinterlegte die dazu nötige Kaution und stellte ihnen einen Betreuer zur Seite.

Weiter geht aus den bis letzten Sommer unter Verschluss gehaltenen 28 Seiten des offiziellen Untersuchungsberichts des Kongresses hervor, dass

  • Omar al-Bayoumi laut FBI-Informationen für den saudischen Geheimdienst arbeitete und dieser die Attentäter erheblich unterstützte;
  • ein Beamter des saudischen Innenministeriums im gleichen Hotel in Virginia abgestiegen war wie einer der Flugzeugentführer;

    «einige der Flugzeugentführer während ihres Aufenthalts in den USA offensichtlich Kontakt hatten mit Leuten, die Verbindungen zur saudischen Regierung haben dürften»;

  • Mitglieder der saudischen Königsfamilie die Attentäter indirekt finanzierten.

Es lohnt sich, sämtliche 28 Seiten des Untersuchungsberichts von 2004 zu lesen. Im Folgenden ein Originalauszug aus diesen erst 2016 veröffentlichten 28 Seiten:

«In reviewing FBI documents and the CIA memorandum, the Joint Inquiry Staff has examined information suggesting that:

One individual who provided assistance to Nawaf al-Hazmi and Khalid al-Mihdhar may be connected to the Saudi Government. A second individual who may have been in contact with al-Hazmi and al-Mihdhar also has ties to the Saudi Government, including connections to the Saudi Ambassador to the United States. There is reporting in FBI files that persons have alleged that both of these individuals may be Saudi intelligence officers;

The September 11 hijackers may have been in contact with other Saudi Government officials in the United States prior to the September 11 attacks; andSaudi Government officials in the United States may have ties to Usama Bin Ladin’s terrorist network.»

Noch Mitte April 2016 hatte Saudi-Arabien damit gedroht, US-Wertpapiere und Anleihen im Wert von 750 Milliarden Dollar zu verkaufen, falls die womöglich belastenden «28 Seiten» des Untersuchungsberichts von 2005 freigegeben würden. Nach der Freigabe sah die britische Zeitung «Guardian» «ein grösseres Netz von Verbindungen zwischen der saudischen Königsfamilie und Al Qaida, als bislang bekannt war». Der Bericht nähre zudem den Verdacht, dass die USA aus Rücksicht auf Saudi-Arabien jene Beweise unterdrücken, die auf eine Verwicklung Riads hinweisen.

In diesen Zusammenhang lässt sich ein SDA-Bericht einbetten, den die Basler Zeitung bereits am 29. März 2005 veröffentlicht hatte:

«Was lange vermutet wurde, nicht zuletzt in Michael Moores Film ‹Fahrenheit 9/11›, scheint nun gesichert: Das FBI half nach den US-Terroranschlägen tatsächlich Saudi-Arabern bei der Ausreise. Die US-Bundespolizei FBI hat nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 Familienangehörigen von Al- Qaida-Chef Osama bin Laden und anderen saudischen Staatsbürgern das Verlassen der USA ermöglicht, bevor Ermittler sie vernehmen konnten. Dies geht aus bislang unter Verschluss gehaltenen Regierungsdokumenten hervor, welche die ‹New York Times› nun veröffentlichte. Demnach hatten FBI-Beamte unmittelbar nach den Terroranschlägen Kontakt zu rund 150 Saudi-Arabern, die sich in den USA aufhielten. Für sie wurden eigens gecharterte Flugzeuge bereitgestellt, um sie in ihre Heimat auszufliegen.

Zwei prominente saudische Familien in Los Angeles und Orlando sollen vom FBI sogar persönlich zum Flughafen eskortiert worden sein. Auch die Verwandten des Topterroristen Osama bin Laden, der bereits unmittelbar nach der Katastrophe in New York als Kopf des Anschlags galt, waren ausgeflogen worden, ohne dass die Polizei sie zuvor vernommen hatte. Wie ein FBI-Beamter der ‹New York Times› sagte, hätten die saudischen Familien selbst den FBI-Schutz beantragt. Bei der Eskorte habe es sich nicht um eine Bevorzugung gehandelt, vielmehr würde man dies für jeden tun, der sich bedroht fühlte.

Kritiker werfen US-Präsident George W. Bush seit langem vor, mit der saudi-arabischen Elite allzu enge Verbindungen zu unterhalten. So hatte der Filmemacher Michael Moore in seinem Film «Fahrenheit 9/11» auf die Freundschaft zwischen den Bushs und der saudi-arabischen Königsfamilie hingewiesen. Moores Vorwurf jedoch, dass der Bin-Laden-Clan noch während der mehrtägigen Sperrung des US-Luftraums, die unmittelbar nach dem Attentat angeordnet wurde, ausgeflogen worden sei, wird durch die Regierungsdokumente nicht gestützt. Allerdings schliessen sie laut «New York Times» nicht aus, dass einige der rasch ausgeflogenen Saudis durchaus wichtige Informationen zu den Anschlägen oder den Attentätern hätten geben können.»

Präsident Obama wollte Veto einlegen

«Es ist unglaublich, sich vorzustellen, dass unsere Regierung eher die Saudis als seine eigenen Bürger schützt», erklärte die Witwe eines Mannes, der beim Terrorangriff auf das World Trade Center ums Leben gekommen war, in der «New York Times». Erst kürzlich überstimmte der US-Kongress ein Veto Präsident Obamas, so dass Opfer gegen saudische Kabinettsmitglieder und Diplomaten wegen Hilfe an Terroristen gerichtlich vorgehen können. Das letzte Wort darüber ist noch nicht gesprochen.

Geopolitischer Verbündeter

Die USA behandeln Saudi-Arabien, das sie mit Milliarden massiv aufgerüstet haben und immer noch aufrüsten, geopolitisch nach Israel als zweitengsten Verbündeter im Nahen und Mittleren Osten. Die Unterstützung der USA wurde auch nicht angetastet, als die damalige US-Aussenministerin Hillary Clinton im Jahr 2010 erklärte, dass «Geldgeber in Saudi-Arabien die grössten Finanzierer von terroristischen Sunniten-Gruppen weltweit» sind. Zu den finanzierten Gruppen gehörten Al-Kaida, die Taliban oder die Lashkar-e-Tauba – eine islamistische Terrororganisation in Kaschmir – hatte Clinton präzisiert. Das geht aus geheimen Memos hervor, welche Wikileaks veröffentlicht hatte.

*Weitere zum Teil ungesicherte Details zum möglichen Insider-Handel betreffend der erwähnten sowie weiterer Unternehmen beschreibt Lars Schall auf «Asian Times online». Es geht ausserdem daraus hervor, wie sich verschiedene Behörden weigerten, schriftlich Stellung zu nehmen.

Im folgenden Interview von Lars Schall vom 9. September 2016 erklärt Professor Marc Chesney seine Motivation: «Es gehört unter anderem zu den Aufgaben eines Finanzprofessors, finanzielle Machenschaften aufzudecken.»:

Der Fall eines bekannt gewordenen Käufers

Der Friedensaktivist und Research-Writer Mark H. Gaffney berichtete am 2. März 2011 im «Foreign Policy Journal», dass das FBI es abgelehnt habe, den Fall eines ausfindig gemachten, wahrscheinlichen Insiders zu verfolgen.

Ungeklärte Fragen gibt es auch zum Einsturz des dritten Hochhauses WTC-7, das von keinem Terroristen-Flugzeug getroffen wurde. Infosperber geht in den nächsten Tagen kurz darauf ein.

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